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September 2008
29.09.2008 Langzeitarchivierung
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Meine Rede: Wir laufen Gefahr, dass aus der Zeit von achtzehnhundertdickemilch bis zweitausendhastenichgesehn völlig aus dem geschichtlichen Gedächtnis künftiger Generationen verschwindet, weil die verwendeten Speichermedien keine langfristige Archivierung zulassen ( gegen das digitale Vergessen). Anfangs verwendeten unsere Mitmenschen säurehaltiges Papier zum Drucken, das sich nach und nach selber zerstört (Cobra, übernehmen Sie!) und seit der digitalen Revolution nehmen wir magnetische Datenträger oder mit biologischen Substanzen beschichtete, die höchstens eine oder zwei Dekaden überleben und dann nicht mehr lesbar sind. Wobei die Frage unbeantwortet bleibt, ob sie mit den später verfügbaren Systemen prinzipiell oder überhaupt lesbar wären.

Ben Schwan (1) berichtet in davon, dass er eine teuer gekaufte, kopiergeschützte DVD nicht mehr abspielen kann, weil offenbar der Kopierschutz jede Zusammenarbeit mit den modernen Abspielgeräten verweigert. Weitgehend ungehört blieb seinerzeit die -Kampagne gegen die Un-CD, womit die führende Computerzeitschrift dagegen wetterte, dass die Urheberrechtsverwerter die Kundeninteressen mit Füßen traten und Normverstöße am laufenden Band produzierten, um ihr Gedudel vor Raubkopien zu schützen. Das hat auch seine gute Seite: Den raubkopiegeschützten Mist müssen sich künftige Generationen nicht wieder antun.
 

 
Unlängst habe ich eine Homage auf Walter Benjamin gefunden (2), dessen Hoffnungen auf eine Sozialisierung von Kultur längst antizyprisiert sind.

Der kulturelle, gesellschaftliche und rechtliche Flashback steht hingegen unweigerlich bevor. Was passiert, wenn das elektronische Grundbuch plötzlich nicht mehr lesbar ist, wenn historische Quellen aus der Jetztzeit nicht mehr zur Verfügung stehen oder wenn man DJ Ötzi bald nicht mehr hören kann? Letzteres konnte ich sowieso nie. Die beiden anderen Beispiele sind gefährlicher, weil sie rechtliche und politische Gefahren bergen. Rechtliche im Sinne von Rechtsunsicherheit und politische im Sinne von Verlust von geschichtlicher Vergleichbarkeit.

Die klösterlichen Skriptorien im Mittelalter haben Bücher kopiert (und verändert) und haben damit mindestens eine wichtige Aufgabe geleistet: Sie haben Überlieferungen gesichert. Unsere heutigen Überlieferungen versehen wir mit einem Verfallsdatum und müssen uns nicht wundern, wenn sie alsbald ungenießbar werden.

Schwan schimpft auch auf RAID. Dabei handelt es sich um ein in der Theorie sehr vernünftiges Konzept, Daten mehrfach zu sichern, um Festplattenausfällen vorzubeugen. Dennoch hat er Recht, aber aus einem anderen Grund. Haben Sie einmal einen kaputten RAID-Controller erlebt? Er ist das Nadelöhr zu den Sicherungsmedien und wenn er kaputt geht, dann schreibt er nur noch Datenmist auf die Festplatten. Dadurch geht tagelange Arbeit eines Unternehmens oder einer Behörde verloren.
 

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(1) Ben Schwan, Für immer verloren? Technology Review 29.09.2008

(2) Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierkeit
 

 

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© Dieter Kochheim, 29.07.2009