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Juli 2012

14.07.2012 Carding und eBay-Betrug
zurück zum Verweis Carder's End


Schaden für Viele und das baldige Ende für Serienbetrüger im Internet
 
 Am 13.07.2012 hat das Landgericht Hannover zwei junge Männer im "Burschenalter" (bis um die 30 Jahre alt) wegen serienmäßigen Betruges verurteilt. Gemeinsam hatten sie zwischen Juni 2010 und März 2011 aktuelle Mikroelektronik und Pkw-Felgen vorwiegend bei eBay angeboten und dann unter falschen Namen und gefakten E-Mail-Adressen die Interessenten zur Vorkasse oder zur Nachnahme überredet, ohne die Waren zu liefern oder einfach nur Schummel-Pakete verschickt, die vor allem mit Mehl und mit Bauschaum gefüllt waren. Die Zahlungen gingen auf im Internet angemeldete Mule-Accounts ein, also auf Bankkkonten, die von getäuschten, arbeitsuchenden Polen oder unter Verwendung falscher Personalpapiere eingerichtet worden waren.

Dem Haupttäter warf die Anklage mindestens 100 Betrugstaten und 7 Urkundenfälschungen in Bezug auf portugiesische Identitätskarten vor. Er laminierte die gedruckten Fälschungen und versah sie mit einer professionellen Druckpresse mit einem faustgroßen Prägesiegel. Dann verwendete er sie zur Eröffnung von Bankkonten unter falschen Namen und fingierten Adressen - vorzugsweise in Abbruchhäusern, in denen plötzlich ein frischer Briefkasten mit den Phantasienamen angebracht war.

Auf das besondere Interesse der Staatsanwaltschaft stieß dieser Angeklagte aber, weil er auch Schusswaffen erwarb und zum Kauf anbot. Die spezialisierte Plattform dafür ist eGun und der Handel mit Waffen ist dort nicht ganz so einfach wie auf anderen Handelsplattformen, weil der Käufer immer auch eine Waffenbesitzkarte nachweisen muss, damit sich der Verkäufer absichern kann. Wie kommt man an eine Abbildung einer existierenden Waffenbesitzkarte? Indem man selber Waffen zum Verkauf anbietet, vom potenziellen Käufer eine digitale Kopie der waffenrechtlichen Erlaubnis verlangt und dann seine Identität für eigene Waffenkäufe missbraucht.

Auf diese Art und Weise hatte der Angeklagte mehrere erlaubnispflichtige Pistolen, einen einfachen Revolver ("Dobble-Action"), ein Repetiergewehr und Munition erworben. Sein umfassendes Geständnis half ihm und brachte ihm dennoch im Ergebnis vier Jahre Gesamtfreiheitsstrafe ein.

Das Ermittlungsverfahren führte dazu, dass sich die Polizei in Hannover intensiv mit einem kleineren und jetzt nicht mehr bestehenden Carding-Board beschäftigte. In diesem Board war der Angeklagte Member gewesen und zunächst hatte er angegeben, von einem Administrator des Boards zu seinen Fälschungen und Waffenkäufen überredet und mit den erforderlichen Werkzeugen ausgestattet worden zu sein. Die Polizei wertete einen Dump des Boards aus, den die rivalisierenden "Happy Ninjas" gehackt und ins Internet gestellt hatten, setzte einen Verdeckten Ermittler zur Beobachtung des laufenden Boards ein und ermittelte die Identität der wesentlichen Akteure unter Nutzung aller Ermittlungsinstrumente, die die Strafprozessordnung für diese Formen der Kriminalität zur Verfügung stellt.

§ 263 Abs. 3 Nr. 2 StGB sieht einen besonders schweren Fall des Betruges darin, dass der Täter in der Absicht handelt, durch die fortgesetzte Begehung von Betrug eine große Zahl von Menschen in die Gefahr des Verlustes von Vermögenswerten zu bringen. Das führt dazu, dass auch "kleinere" Betrügereien - wie hier mit Schäden zwischen 100 und 1.700 € - zu Einzelstrafen von mindestens 6 Monaten führen. Bei gleichartigen Taten ist zwar eine großzügige Gesamtstrafe zu bilden. Die 40 Taten des bislang unbestraften Mitangeklagten, der einen Schaden von weniger als 15.000 € verursacht hat, waren deshalb auch mit Geständnis zwei Jahre Freiheitsstrafe wert. Hinzu kam, dass er auch gewerbsmäßig handelte ( § 263 Abs. 3 Nr. 1 StGB).

Der Haupttäter hat in seiner Jugend seine virtuelle Karriere mit Onlinespielen begonnen und der psychiatrische Sachverständige, der ihn untersucht und begutachtet hat, fand bei ihm behandlungswürdige Verfestigungen dissozialen Verhaltens. Er ist aber in der Lage gewesen, seine verschiedenen Aktivitäten im Virtuellem und im Realem genau zu trennen, ohne dass er das Eine mit dem Anderen verband. Seine Ehefrau erfuhr erst nach seiner Festnahme von seinen erfolgreichen Samenspenden und der Tatsache, dass sein Gehalt nicht aus einer Berufstätigkeit als Ingenieur stammt.

Die hier gegebenen Informationen sind alle in einer öffentlichen Hauptverhandlung offenbart und besprochen worden. Nur deshalb darf ich überhaupt über sie reden.

Ich habe viel in diesem Verfahrens gelernt.

Online-Spiele geben dem Protagonisten eine bestimmte Macht, tollerieren Tricks und Regelwidrigkeiten, wenn sie nicht direkt verboten sind, und selbst wenn man verliert, dann verliert man nur einzelne von mehreren Leben oder man kann mit einer neuen Identität völlig neu beginnen.

Lügen gehört zum Leben Spiel. Selbst wenn "Loverboy" ständig der Gefahr eines altersbedingten Herzinfakts ausgesetzt ist, so ist er doch der heißeste Hecht weit und breit (höre Radio-Werbung).

Reale Misserfolge werden durch virtuelle Omnipotenzen ersetzt. Ausbildung abgebrochen? Im Studium gescheitert? Na und? Muss das die Partnerin wissen? (Ja!) Ich ertrüge oder erpresse mir auf andere Weise das Gehalt, das die Umgebung von mir erwartet.

Die virtuelle Welt setzt Schranken. Administratoren schimpfen, flamen und fordern Wohlverhalten. Sanktioen über den Ausschluss hinaus bleiben aus und werden nicht köperlich erfahrbar. Kein Schmerz, kein Knast.

Das mit dem fehlenden Schmerz stimmt nicht ganz. Gelegentlich kommt es doch vor, dass ein brastiger Partner aus dem Virtuellem ins Reale wechselt und den Gegner verhaut oder ihm eine Knarre an den Kopf setzt, um Geld abzunehmen, das eigentlich für ein Geschäft bestimmt war.

Die Carder haben sich eine eigene Falle gebaut. Mindestens seit 12 Jahren, als cadersplanet entstand, haben sie in einem unkontrollierten Subuniversum agiert, in das sie sich nach ihren kriminellen Aktionen immer wieder zurückziehen konnten. Je weiter sie mit ihren Angriffen in die Realität griffen, desto lästiger wurden sie und desto mehr werden sie in ihrem vermeintlichen Sherwood Forrest unter Druck gesetzt.

Es gibt den alten Spruch, dass der Krug solange zum Brunnen geht, bis er bricht. Das gilt auch für das Carding. Irgendwann machen die Täter einen fatalen Fehler. Wenn sie nicht richtig gut waren und reich geworden sind, dann scheitern sie zunächst an der Kranken- und später an der Rentenversicherung. Zwischendurch könnte auch die Steuerfahndung nachhaltig ärgerlich werden.
 

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© Dieter Kochheim, 15.07.2012