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Dezember 2008
22.12.2008 Milgram-Experiment
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Rötzer: Das Experiment wurde vielfach wiederholt, immer mit dem gleichen Ergebnis, dass die Versuchsperson, die den Lehrer spielte, einen "Schüler" mit immer stärkeren Elektroschocks traktierte, wenn dieser Fehler machte. Zögerte der "Lehrer" wurde er von Versuchsleiter aufgefordert, weiter zu machen. Gespielt wurde der Schüler von einem Schauspieler, der ab 70 Volt stöhnte, ab 120 Volt vor Schmerzen schrie, ab 140 Volt ein Ende des Experiments forderte, ab 200 Volt noch lauter schrie und ab 330 Volt verstummte, was die "Lehrer" nicht davon abhielt, zu über 60 Prozent die Schocks bis zum Anschlag auf 450 Volt zu verstärken. Waren hingegen etwa zwei Versuchsleiter vorhanden, die sich widersprachen, brachen viele Versuchspersonen, die "Lehrer" spielten, ab. (1)
 

 
1962 hat der Psychologe Stanley Milgram das nach ihm benannte Experiment durchgeführt und damit gezeigt, dass Menschen dazu bereit sind, anderen Menschen schwere Schmerzen zuzufügen, indem sie den Anweisungen einer Autorität unterwerfen  (2).

Das Beängstigende an dem Experiment ist seine beliebige Wiederholbarkeit.

Vor zwei Jahren berichtete Florian Rötzer in davon, dass der Versuch in einer virtuellen Umgebung wiederholt wurde (3). Den Testpersonen war dabei klar, keinem schmerzempfindenden Menschen gegenüber zu sitzen, sondern "nur" einem Avatar. Dennoch bestraften sie in gleicher Weise den faulen Schüler, zeigten dieselbe Enthemmung, wie im Ursprungs-Versuch, und reagierten ... mit einer deutlich messbaren Erregung während des Austeilens der Elektroschocks.

Unlängst ist das Milgram-Experiment mit echten Menschen wiederholt worden (1). Die Ergebnisse weichen vom ursprünglichen Versuch nur im Rahmen der üblichen statistischen Unschärfe ab. Die Menschen haben nichts dazu gelernt und sind gestern wie heute autoritätshörig. Rötzer: Menschen sind formbar, auch dann, wenn sie zu Ungeheuern werden.

Gleichermaßen erschreckend verlief 1971 das Stanford-Prison-Experiment (4), bei dem zufällig ausgewählte Personen in die Rollen von Gefangenen und Wärtern versetzt wurden. Das Verhalten der Wärter wurde zunehmend brutaler und sadistischer und das der Gefangenen unterwürfiger, wobei sie auch ihre Gruppenidentität aufgaben. Der Versuch musste abgebrochen werden, weil er zu eskalieren drohte.

 
Die experimentell beobachteten Prozesse der der Enthemmung in Bezug auf Gewaltanwendung sind auch im Alltag festzustellen. Aus der kriminologischen Opferforschung ist bekannt, dass bestimmte Verhaltensweisen, Herkünfte und Merkmale die Hemmschwelle von Tätern wegen Gewalttaten senken gegenüber anderen Mitmenschen, die selbstbewusst auftreten und Stärke verkörpern. In den 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts berichtete der Sozialwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma bereits von dem Phänomen des Geschlagenen, der allein dadurch, dass er als Geschlagener wahrgenommen wird, die Hemmschwelle Anderer senkt, ihn ihrerseits zu schlagen (vergewaltigen, erniedrigen oder ausbeuten) (5).

05.01.2009: Eine neue Studie belegt, dass das Schmerzempfinden dann steigt, wenn dem Opfer bewusst ist, dass ihm die Schmerzen mit Absicht beigebracht werden: Marglim. Die andere Seite des Experiments.

19.04.2009: Nach jüngsten Meldungen aus den USA waren an den "innovativen Verhörtechniken" der CIA ... auch Psychologen und Ärzte aktiv beteiligt (6).

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(1) Florian Rötzer, Zum Folterknecht kann fast jeder werden, Telepolis 21.12.2008

(2) Milgram-Experiment

(3) Florian Rötzer, Das Quälen von virtuellen Personen wird als real empfunden, Telepolis 24.12.2006
 

 
(4) Stanford-Prison-Experiment

(5) Bullying, Slapping, Snuffing

(6) Florian Rötzer, Ärzte und Psychologen als Folterknechte, Telepolis 19.04.2009;
siehe auch: Thomas Pany, Schmerz und Lüge, Telepolis 18.04.2009
  

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© Dieter Kochheim, 29.07.2009