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November 2009
22.11.2009 soziale Netze
     
zurück zum Verweis zur nächsten Überschrift Bewegungsmuster in sozialen Netzen
 

 
 
  Wenn ich mir die Mobilfunkdaten von – sagen wir mal – zehn Millionen Menschen ansehe, dann bewegen sich die meisten von ihnen nicht mehr als zehn Kilometer am Tag. Manchmal machen sie eine weite Reise, aber die Zeit, in der sie unterwegs sind, ist vergleichsweise gering. Einige wenige Menschen reisen sehr oft über große Distanzen, im Schnitt 400 Kilometer. Wenn man sich die statistische Verteilung dieser beiden Spezies ansieht – also mit welcher Wahrscheinlichkeit habe ich einen Menschen vor mir, der im Schnitt so und so viele Kilometer am Tag zurücklegt –, landet man bei einem sogenannten Potenzgesetz. (1)
 
 

 
Albert-Laszlo Barabasi erforscht anhand von Standort- und GPS-Daten die Bewegungsmuster von Menschen und Gruppen (1). Dazu verwendet er anonymisierte Daten von Mobilnetz-Providern.

Er betreibt "computational social science" mit mathematischen Methoden, um soziale Prozesse zu erkennen (siehe links) und damit Simulationen für ein Modell der menschlichen Mobilität im großen Stil schaffen zu können, ohne dazu für jedes Individuum eine digitale Persönlichkeit programmieren zu müssen.

Eine andere Anwendung für Bewegungsmuster ist die Analyse der Verbreitung von Handy-Viren. Sie verbreiten sich in aller Regel über die Nahfunk-Schnittstelle (Bluetooth) und die Infektionen ähneln der der Grippe. Dort, wo viele Menschen zusammenkommen, erfolgen auch die meisten Infektionen. Die menschlichen Mobilitätsdaten geben schließlich Auskunft über die flächige Verbreitung. Sein Fazit: Erst dann, wenn Smartphones mit ein und demselben Betriebssystem einen Marktanteil von etwa zehn Prozent überschreiten, werden Handy-Viren zu einem ernsten Problem.

Das Interview berührt auch Fragen des Datenschutzes, der sozialen Überwachung und der Terroristenfahndung. Barabasi überrascht dabei mit einem intelligenten Pragmatismus. Er fordert die öffentliche Erforschung sozialer Netzwerke, ihrer Verbindungen und Bewegungen, um das Feld nicht allein der privat geförderten oder geheimen Forschung zu überlassen. Er betrachtet die öffentliche und deshalb auch veröffentlichte Forschung auch als Korrektiv für falsche und unpassende Erfahrungssätze sowie gegen den Missbrauch von Forschungsergebnissen und Daten.
 

 
Barabasis locker erscheinender Umgang mit der informationellen Freiheit reizt zum Widerspruch, ohne ihn genau ansetzen zu können.

Die Erforschung sozialer Prozesse mit mathematischen Methoden hat die "Welt am Draht" (2) längst verlassen und ist als Rating, Marketing und anderen Vorhersagen in den Alltag eingedrungen.

Die berechtigte Frage ist die, inwieweit der einzelne Privatmensch durch die Beschreibung von Bewegungsmustern und sozialen Prozessen so gläsern wird, dass seine Freiheitsrechte in Mitleidenschaft geraten. Die Gefahr dazu ist jedenfalls beim Forschungsgegenstand der Sozialwissenschaften erheblich geringer als bei dem der Psychologie.

Dennoch können auch sozialwissenschaftliche Prozessbeschreibungen fatale Folgen haben, wenn sie zur Ausgrenzung und Diskriminierung missbraucht oder unkritisch, scheinobjektiv und schematisch angewandt werden. Dem würde Barabasi entgegnen, dass nur die öffentliche Forschung die Instrumente und die Munition liefern kann, um solchen Fehlentwicklungen zu begegnen.

Oder anders ausgedrückt:
"... wer nicht fragt, bleibt dumm ..." (1)
 

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(1) Wolfgang Stieler, Der Fährtenleser im Handynetz, Technology Review 20.11.2009

 

 
(2) Cyberspaces; unter dem Titel "Welt am Draht" erfolgte die deutsche Verfilmung des Romans von Galouye.

(3) Sesamstraße. Musik
 

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© Dieter Kochheim, 25.11.2009