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Oktober 2010
10.10.2010 10-10-08 Cyberwar
     
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  Im Heißen Cyberwar wird nicht gespielt, sondern einmal tödlich zugeschlagen.
 

"Information Dominance": Der Feind soll seine möglicherweise überlegenen technischen Mittel nach Möglichkeit gar nicht mehr zum Einsatz bringen können – er soll blind und paralysiert in die Falle stolpern. (2)
 

Gaycken und Talbot befassen sich bei mit dem Cyberwar (1) und nennen mit Unbehagen mehrere Beispiele, die sie nicht recht belegen können. So auch hier: Der Antivirus-Software-Hersteller McAfee will bereits 2007 mehr als 120 Staaten identifiziert haben, die Cyberwar-Programme unterhalten oder aufbauen, darunter auch Deutschland. Die Quellen, aus denen diese Erkenntnisse stammen, bleiben jedoch unklar.

Für sie ist der Cyber-Krieg ... die logische Konsequenz <aus> einer langen Geschichte technostrategischer Schritte (2). Sie meinen den Kalten Krieg und sind der Meinung, dass er deshalb nicht zum Heißen wurde, weil die Kosten und menschlichen Folgen für beide Seiten unkalkulierbar und auf jeden Fall zu hoch gewesen wären.

Dagegen setzen sie die Erfahrungen mit der Guerilla-Strategie: Kleine, mobile Einheiten können gezielt zuschlagen und sich schnell wieder zurück ziehen. Sie verursachen schmerzhafte Schäden und sind kaum greifbar und verfolgbar. Die Gegenstrategie ist kaum anders ausgerichtet und wird seit dem Vietnam-Krieg bis heute im Irak und in Afghanistan praktiziert: Mit chirurgisch anmutender Präzision werden Feindpersonen definiert, lokalisiert und schließlich mit Hightech-Waffen ermordet. In aller Regel nicht von Soldaten, sondern von gedungenen Mördern, also Söldnern.

Diese Strategie übertragen die Autoren auf den Cyberwar und liefern Beispiele für seine noch kalte Phase. Angreifer können sich über verschiedene gehackte Rechner an ein militärisches Feuerleitsystem heranschleichen, es im entscheidenden Moment abschalten und sich dann zurück ziehen, ohne dass ihr Ursprung und ihre Heimat erkennbar wird.
 

Die Autoren beziehen sich auf zwei Sicherheitsforscher, die sich schon 1993 äußerten: Die Hypothese von Arquilla und Ronfeldt kann in diesen Tagen jedoch berechtigt wieder geäußert werden: Der Cyber-Krieg wird kommen. Nicht so sehr als heißer, offener militärischer Konflikt, sondern mehr als eine elektronische Wiedergeburt des Kalten Krieges mit Spionage, Sabotage und zahlreichen kleinen Zwischenfällen.

Was sie beschreiben, ist der Kalte Cyberwar, der tatsächlich längst im Gange zu sein scheint. An ihm sind militärische, politische, wirtschaftliche, terroristische und nicht zuletzt kriminelle Interessengruppen beteiligt, die die Kräfte der Gegner messen, ihre Möglichkeiten erproben und testen, was sie anrichten können. Ihre Werkzeuge sind das Hacking, das Social Engineering und für die grobe Arbeit die Botnetze, die kommerziell benutzt oder mit obrigkeitlicher Macht übernommen werden können.

Das ist nicht der Cyberwar, wie ich ihn befürchte. In ihm wird es darauf ankommen, gezielt, skrupellos und nachhaltig mit allen sich bietenden Mitteln zuzuschlagen. Der heiße Cyberwar ist eine Kombination aus gezielten Angriffen gegen Infrastrukturen nach der Art von Stuxnet und Gewaltakten terroristischer, militärischer und krimineller Art, die aufeinander abgestimmt sind. Ihnen wird es dann nicht mehr darum gehen, dass sich die Angreifer unbemerkt zurückziehen können, sondern dass der Erstschlag so vernichtend ist, dass der Gegenschlag im Ansatz stecken bleibt.

Vielleicht behalte in unrecht. Wenn alle Welt cyberwarig hoch aufgerüstet ist, dann könnten, wie im Kalten Krieg vergangener Zeiten, die Gefahren des Gegenschlages viel zu groß sein, als dass einer der Kontrahenten den Erstschlag wagt. Nur: Der alte Kalte Krieg war einer der Staaten und Militärs. Im Heißen Cyberwar kommen hingegen auch kriminelle und andere Interessengruppen zum Zuge. Die könnten ihre Chancen anders und vor allem skrupelloser definieren.
 

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(1) Sandro Gaycken, David Talbot, Aufmarsch im Internet, Technology Review 08.10.2010

(1) ebenda (1), S. 2
 

 

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© Dieter Kochheim, 25.01.2011