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November 2010
14.11.2010 10-11-21 Vorurteile und Akzeptanz
     
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Es gibt Menschen, unter denen ich mich unwohl fühle. Das sind etwa solche mit Springerstiefeln an den Füßen und rechten Parolen auf den Lippen, religiöse Eiferer oder Blender, bei denen ich ständig den Eindruck habe, dass sie mir etwas verkaufen wollen, was ich nicht brauche und was ich nicht mag.

Meistens sind es die intelligenten und belesenen Menschen, mit denen es mir Spaß macht, umzugehen. Die, die sich eine Meinung gebildet haben, auch wenn es nicht meine ist. Sie haben nachgedacht, abgewogen und bewertet. Sie plappern keine Parolen nach, sondern ziehen Fakten zu Rate, bewerten sie mit mehr oder weniger sicheren gedanklichen Instrumenten und ziehen schließlich Schlüsse über Gut und Böse und vor allem darüber, sich selber dazu zu stellen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie auch zuhören und recht geben können. Ihre - und meine - irrationalen Grenzlinien sind dann akzeptabel, wenn wir sie als solche erkennen, benennen und in Frage stellen.

Ich stehe zudem zu meinen Vorurteilen. Besser gesagt: Zu meinen schnellen und damit vorläufigen Urteilen über Menschen und Situationen. So verstanden sind Vorurteile nichts Falsches, weil sie es mir erlauben, eine Situation oder ein Gegenüber anhand meiner Erfahrungen sofort einzuschätzen, mich auf sie einzustellen und mit ihnen umzugehen. Die vorläufige Einschätzung mag falsch sein. Das gehört dazu, wenn man kein dummes Stück Brot sein will, das unkritisch alles mit sich geschehen lässt. Zu Vorurteilen im schlechten Sinne werden sie erst, wenn die Beurteilungen nicht immer wieder überprüft und neu bewertet werden. Ganz schlimm wird es, wenn sich unüberprüfte Bewertungen zu unüberprüften Schlüssen und Folgeschlüssen verselbständigen, zu Borniertheit, zusammen mit etwas Xenophobie zu Chauvinismus und nach Zugabe von Dummheit zu Rassismus.
 

 
 "Menschen mit Migrationshintergrund" leben nicht hier, weil sie oder ihre Vorfahren ein besonders gutes Leben in ihrer Heimat führen konnten. Sie sind geflohen vor Verfolgung oder Armut.

 In der monotheistischen Tradition gibt es ein Gastrecht. Deshalb wird der Fremde nicht erschlagen, sondern ihm wird Essen, eine Schlafstatt und Interesse gegeben. Das ist ein Deal. Dem Durchreisenden wird in dem Maße geholfen, was man ohne Not geben kann, und er gibt das, was er hat und entbehren kann, wobei es reicht, wenn er Erfahrungen, Wissen und Neuigkeiten vermittelt. Will er länger bleiben, muss er zu seinem und dem gemeinen Unterhalt beitragen. Kennt er die lokalen Kulturtechniken nicht, muss er sie lernen. Das eröffnet für seine Umwelt die Chance, von seinem besonderen Wissen und seinen Fertigkeiten zu profitieren und sie in die eigene Kultur einzufügen.

 Bei einzelnen Personen funktioniert das gut. Bei Migrationsgruppen scheint das schwieriger zu sein. Gesellschaftlich betrachtet scheinen sie sich zu verkapseln und Subkulturen mit eigenen Ansprüchen und Berechtigungen zu bilden, häufig ohne bereit zu sein, Entsprechendes ihrem Umfeld geben zu wollen.

 Solange es nur um die eigene Gruppenidentität geht, wird das die gastgebende Umgebung hinnehmen können. Die Grenzen der gastgebenden Toleranz sind bei schweren Straftaten, angeblichen Ehrenmorden, Zwangsheiraten, sklavischen Unterwerfungen, sexuellen Verstümmelungen oder Gewaltexzessen weit überschritten. Es geht um den ordre public, also die fremden Wertvorstellungen, die beim besten Willen nicht mehr hinnehmbar sind.
 

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In meiner Tageszeitung kommen täglich Migranten zu Wort, die hier leben, ihre Erfahrungen und Gefühle äußern. Das ist manchmal schlimm, weil "Deutschland, schöne Land" dabei heraus kommt.

Am 11.11.2010 hat sich ein in der Türkei geborener Mann geäußert und als moderner Türke geoutet. Er habe keinen "Eski Hafa", also keinen "alten Kopf". Was das bedeutet, hat eine junge Frau vor ein paar Wochen beschrieben: Wenn sie sich in Istanbul oder Ankara aufhalte, dann gibt sie nicht oder nur ungern zu, dass sie - vor allem auch gerne - in Deutschland lebt. Das dortige Vorurteil sei, dass sie also eine "solche Türkin" sei, keine Städterin, sondern eine mit dem anatolischem Dorf von vor einhundert Jahren im Kopf. Deren dumme Vorstellungswelten mag man auch in den türkischen Metropolen nicht.

Eine mir bekannte Frau mit orientalischem Migrationshintergrund hat das bestätigt. Ihre Familie ist mit ihr als Kind vor den islamischen Revolutionären im Iran geflohen. Inzwischen ist sie eine nordeuropäische Borg, sie ist assimiliert in dem hiesigen, mehr handlungs- als wortorientierten Umfeld. Sie hat studiert und lange zuvor war ihr klar gewesen, dass sie studieren würde - nicht was, aber die Tatsache stand nie in Frage.

 In der ihm eigenen bösen Art hat Dieter Nuhr gestern im Fernsehen festgestellt, dass alle deutschen Kinder Weltmeisterleistungen erbringen - jedenfalls in den Vorstellungswelten ihrer Eltern. Es sei einfach ungerecht, dass nur einer Weltmeister sein solle ... Ich erspare mir die Einzelheiten.
 

 
 Es gibt abgrundtief dumme, anstrengende und impertinente Deutsche, mit denen ich nichts oder wenigstens nur so viel zu tun haben möchte, wie es unvermeidbar ist.

Dumme, freche, lügende, anmaßende oder gewalttätige Migranten muss ich ebenso wenig mögen und tolerieren wie die dummen, frechen, lügenden, anmaßenden oder gewalttätigen Landsleute und Angehörigen, die mit mir zusammen aufgewachsen sind und formell dieselbe Sprache und Kulturerfahrung teilen.

 Zum Zusammenleben brauchen wir ein tragfähiges Kultur- und Handlungsmodell. Ich selber bin Atheist, was nicht heißt, dass ich Religionen bekämpfe, sondern nur für mich selber nicht anwende. Mich faszinieren hingegen religiöse Moralinterpretationen, weil sie in aller Regel von Ernst und bemühenden Ausgleich geprägt sind. Die wesentlichen Moralvorstellungen der christlichen Religionen akzeptiere ich nicht nur, sondern lebe ich auch. Sie sind richtig, was zum Beispiel die Handlungsanweisungen der Zehn Gebote anbelangt (Du sollst nicht töten ...). Auch die Anweisung "Du sollst keinen Gott neben mir haben!" ist unter dem Gesichtspunkt genial, dass das auch heißt: "Du sollst kein Gesetz neben diesem haben!"

 Eine solche Assimilation erwarte ich auch von Migranten. Ihr sollt Euch nicht bedingungslos unterwerfen! Ihr sollt aber auch die Grenzen akzeptieren, die unser gemeinsames Zusammenleben bestimmen und sichern!

Zerstörerische Schmarotzer - ob von innen oder von außen - kann keine Gesellschaft dauerhaft aushalten, sonst wären sie nicht zerstörerisch.
 

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© Dieter Kochheim, 15.11.2010