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neue SF-Literatur
18.01.2009 neue SF-Literatur
     
zurück zum Verweis zur nächsten Überschrift jüngere Fundstücke in der SF-Literatur. Teil 1
   
Jeschke, Cusanus Spiel
Lukianenko, Spektrum
Palmer, Zone
John Scalzi
Cory Doctorow
 

 
In den letzten drei Jahren sind mir nicht nur Werke von den Altmeistern wie Wolfgang Jeschke, Herbert W. Franke und den Strugatzki-Brüdern aufgefallen, sondern eine Reihe neuer Autoren, die vor allem zu erzählen und mitreißen wissen.

Den Anfang widme ich jedoch dem Altmeister Jeschke (1) und seinem genialen Alterswerk: Das Cusanus Spiel (2).

Die Stimmen bei teilen meine Begeisterung nicht und finden das Buch zu langatmig und detailversessen. In der Tat verknüpft Jeschke mit dem Hauptstrang einige Kurzgeschichten, die selbständig erscheinen könnten, hier aber das Stimmungsbild abrunden und ergänzen. Im Hauptstrang geht es darum, dass Leute in die Vergangenheit reisen, um die Erbanlagen von Pflanzen zu sammeln, die in der Gegenwart der Erzählung einer Katastrophe anheim gefallen sind. Sie leben in der Vergangenheit und müssen mit deren Umständen und Gefahren klarkommen, wobei ich mich nicht abschließend entschlossen habe, ob Jeschkes Vergangenheit oder Gegenwart gefährlicher ist. Seine Hauptfigur erlangt jedenfalls am Ende eine Bewegungsfreiheit, die sie ohne technische Unterstützung entlang den Solitonen reisen lässt.

Solitonen sind Zeitwellen (S. 250, 252), die von den Menschen zwar nicht gesteuert, wohl aber als Trittbrettfahrer genutzt werden können. Sie führen in die Vergangenheit und in die Zukunft, in die es den Menschen jedoch verwehrt ist, zu reisen. Interessant ist, dass Jeschke zwar Veränderungen und alternative Welten zulässt, nicht aber ein ausuferndes Multiversum (3).
 

 
Dadurch entstehen zwar durch alternative Entscheidungen unterschiedene Welten, so wie es die Quantentheorie verlangt, die jedoch durch den Hauptstrang der Geschichte wieder verbunden und "ausgebürstet" werden (S. 311). Diese Annahme geht auf den Physiker Hugh Everett zurück (4) und ist eine (anerkannte) Alternative zur Viele-Welten-Theorie der klassischen Quantenmechanik. Sie ermöglicht es Jeschke, die Korrekturen von Ereignissen in der nahen Vergangenheit durch Salamander zu schildern. Sie können zwar die Vergangenheit verändern, aber nur wegen solcher Ereignisse, die nicht den Hauptstrang der Geschichte beeinträchtigen.

Zeitreisen sind ein heikles literarisches Thema, mit dem sich Jeschke immer wieder befasst hat.

Die Everett-Interpretation ist ein Gedankenmodell, das Reisen in die Vergangenheit nicht ausschließt. Ein zweites stammt von dem Mathematiker Kurt Gödel, der die mathematischen Beschreibungen nach den Gravitationsfeldgleichungen von Einstein entwickelte (5). Wenn sich das Universum insgesamt dreht, dann ermöglichen seine Lösungen, dass man sich dadurch, dass man sich mit annähernder Lichtgeschwindigkeit in die Zukunft bewegt, in der Vergangenheit wieder findet - und sie natürlich auch verändern kann. Mehrere Romane von Baxter (6) gründen auf diesem Modell.

Das dritte, jedenfalls nicht ganz und gar versponnene Gedankenmodell für Zeitreisen basiert auf Wurmlöchern (11).
 

 

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(9)
 
 
(10)
zurück zum Verweis Lukianenko, Spektrum Palmer, Zone
 

 
 
Martin erhob sich ...
... berührte Irina, flickte das zerrissene Gewebe, belebte ihr Herz, reinigte ihren Körper von Spaltungsprodukten. Ein Teil
der Neuronen
Bibliothek und dem ehemaligen Verwalter erklärt, dass die Entschlüsselung der Namen in der Nekropole nicht produktiver sei als das Wahrsagen mit Vogelknochen ...
... quetschte den Plasmawerfer zu einem akkuraten Würfel den er ...
... erschrak ...
"To The Soule" aus dem Album The Ultra Zone von 1999 intonierte, sodass er sich nicht mehr beherrschen konnte - und sich das Stück live anhörte ...
... warf er all das Dumme, Quälende, Destruktive fort, das ...
... schaute bei seinem Onkel vorbei, der vor einem im Sessel thronenden Mann in Zivil stand und sich eifrig darüber ausließ, welche ...
um ihn herum flackerte, die Steine schmolz, alles zu verbrennen trachtete ...
 
 

 
Sergej Lukianenko (12) veröffentlicht seine Werke seit den achtziger Jahren in Russland und erzielt inzwischen weltweit Rekordauflagen. Links ist eine Textpassage aus dem Showdown seines Romans "Spektrum" wiedergegeben (13), die chaotisch wirkt. Das ist ein genialer Kunstgriff, weil sein Held Martin Dugin nach vielen überstandenen Gefahren plötzlich die Fähigkeit erwirbt, sich frei von Raum und Zeit zu bewegen und die Welt zu verändern. Ohne die Beschränkungen durch die Raumzeit wirken Handlungen und Erkenntnisse wie gleichzeitig, überdreht und sprunghaft. Das hat Lukianenko gut hingekriegt und ich musste die betreffenden Seiten mehrmals lesen, um ihren Sinn zu erfassen.

Das Buch im übrigen ist sehr "russisch", tiefsinnig und philosophisch, erreicht aber nicht die Tiefe der jüngsten Werke von Boris Strugatzki. Dafür baut es mehr auf Handlungen und wohl dosierten Überraschungen auf.
 

 
Mit der "Zone" hat Philip Palmer seinen ersten Roman vorgestellt (14). Die Rezensenten bei sind gespaltener Meinung und kritisieren die langatmigen Monologe, die den Fortschritt der Geschichte hemmen.

Als Schüler hat man mich wegen der "gebrochenen Perspektive im modernen Roman" mit den Romanen von Alfred Döblin (15) und Heinrich Böll gequält (16). Dabei geht es um nichts anderes, als dass die Erzählerperspektive ständig wechselt. Das verlangt vom Leser einen hohen Grad an Konzentration, weil er immer wieder die Protagonisten mischen und zuordnen muss.

Palmer geht einen ähnlichen, aber weniger anstrengenden Weg. Er ordnet seine Protagonisten und lässt sie - teilweise in der Tat langatmig - zu Wort kommen. Ich mag das nicht, wenn ein Autor nicht auf den Punkt kommt. Bei Palmer hat mich das aber nicht dermaßen gestört, wie die -Rezensenten. Er entfaltet immer wieder Ideen-Feuerwerke, die einen unbändigen Spaß bringen (17), und das in einer meistens düsteren und wenig hoffnungsfrohen Umgebung.

Palmer muss beobachtet werden!
 

zurück zum Verweis John Scalzi

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Vier Bücher von John Scalzi (18) sind von Heyne in sehr schneller Folge veröffentlicht worden. Ich habe ihn bereits einmal zitiert.

Außerirdische sind bösartig, kriegerisch und unkalkulierbar, das ist Scalzis Grundannahme. Um mit ihnen fertig zu werden, brauchen die Raumkolonien - die Erde, ihre Bevölkerung und ihre Regierung sind außen vor - betagte Rekruten von der Heimatwelt, die körperlich und genetisch aufgerüstet werden.

Scalzi macht daraus eine unvergleichliche Space-Opera mit großem Lesespaß.

Eine Ausnahme sind die Geisterbrigaden. Sie bestehen aus dem Genmaterial von Schon-Gestorbenen, die dann extrem aufgerüstet und modifiziert werden.

Das klingt sehr marchialisch und ist es auch. Dennoch schafft es Scalzi, die Außerirdischen zu vermenscheln und mit ihren inneren Widersprüchen zu beschreiben.
 

 
Scalzi bewirkt die Wiedergeburt der Space Opera, indem er große Bewegungen und viel Action macht. Das macht Lesefreude - und man muss nicht alle seine Kapriolen ernst nehmen. Scalzi schreibt eben über sex, crime and war im zukünftigen Weltraum. Dabei bleibt er, was die wissenschaftlichen Grundannahmen anbelangt, sehr zurückhaltend und hausbackend.

Das ist echter Lesespaß.

Die "Androidenträume" machen einen Szenenwechsel, wechseln aber nicht den grundlegenden Rahmen.

Scalzis Protagonist beschützt eine Menschenfrau, deren Genmaterial zu einem Fünftel von einer besonderen irdischen Schafrasse stammt, die außerirdische Echsen exklusiv erworben haben und schlachten wollen.

Auch das ist echter Lesespaß.
 

zurück zum Verweis Cory Doctorow

(24)
 

(25)

 
Einen haben wir noch, einen Kenner der aktuellen Dienste im Internet: Cory Doctorow (23).

Wozu brauchen Sie einen Arzt, wenn Ihr (halbwegs) aktueller Körper- und Befindlichkeitszustand als Backup gespeichert ist und wieder hergestellt werden kann? Sie brauchen keine Therapie und keine Genesung. Ihr Körper wird in dem letzten gesicherten Zustand rekonstruiert und die unscharfen restlichen Erfahrungen können getrost vergessen bleiben.

Sie behandelt ein medizinischer Handwerker, der keine Ahnung von Krankheiten und ihre Behandlung hat. Er stellt Sie wieder her.

Das ist der Plot von Backup und Doctorow schreibt noch viel Handlung drum herum.

Das sollten Sie sich nicht entgehen lassen!
 


Beim Upload widmet sich Doctorow verstärkt den Subkulturen im Internet, die auch neue Identitäten in dem Sinne schaffen, dass sich eigentlich fremde Personen gegenseitig unterstützen, aus fragilen Gründen helfen oder auch irrational bekämpfen. Der Hintergrund ist die Ökonomie - auch das erkennt Doctorow.

Palmer dankt Doctorow im Abspann, also müssen beide beobachtet werden.

Die hier angesprochenen Autoren haben mich in der jüngeren Zeit beschäftigt. Es kommen noch einige andere hinzu ... später.
 

zurück zum Verweis Anmerkungen
 

 
(1) Wolfgang Jeschke

(2) Wolfgang Jeschke, Das Cusanus Spiel, Droemer 2005
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(3) Parallelwelt

(4) Hugh Everett
Viele-Welten-Interpretation

(5) Paul Davies, Do-it-yourself-Zeitreise, special Kosmologie, 02/2007, S.124

(6) (7) und (8)

(7) Stephen Baxter, Das Multiversum 1. Zeit, Heyne 2002
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(8) Stephen Baxter,Transzendenz, Heyne 2006
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(9) Carl Sagan, Contact, Droemer 1986
antiquarisch erhältlich bei

(10) Kip S. Thorne, Gekrümmter Raum und verbogene Zeit. Einsteins Vermächtnis, Droemer 1994
antiquarisch erhältlich bei

(11) Literarisch hervorragend umgesetzt von Carl Sagan [ (9)] und wissenschaftlich entwickelt von Kip S. Thorne [ (10)] in seinem grandiosen Werk über Schwarze und Wurmlöcher.

(12) Sergei Wassiljewitsch Lukjanenko

(13) Sergej Lukianenko, Spektrum, Heyne 2007; Zitat von S. 686.
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(14) Philip Palmer, Zone. Irgendetwas ist nicht in Ordnung mit dem Universum ..., Heyne 2008
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(15) Alfred Döblin, Berlin Alexanderplatz
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(16) Heinrich Böll, Gruppenbild mit Dame
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Genial ist hingegen die Die verlorene Ehre der Katharina Blum, ebenso genial, aber anders verfilmt von Schlöndorff und Trotta.

(17) Damit erinnert Palmer an Douglas Adams' Anhalter-Serie. Eine Metapher, die der 42 gleich kommt, hat Palmer allerdings noch nicht geschaffen.

(18) John Scalzi

(19) John Scalzi, Krieg der Klone, Heyne 2007
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(20) John Scalzi, Geisterbrigaden, Heyne 2007
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(21) John Scalzi, Die letzte Kolonie, Heyne 2008
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(22) John Scalzi, Androidenträume, Heyne 2008
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(23) Cory Doctorow

(24) Cory Doctorow, Backup, Heyne 2007
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(25) Cory Doctorow, Upload, Heyne 2008
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© Dieter Kochheim, 29.07.2009